Art-Brut

Der Begriff Art Brut geht auf Jean Dubuffet zurück, der 1947 in Paris die Compagnie de l’Art brut gründete.

Er öffnete damit die Grenzen des exklusiven Kunstbetriebs für die „Außenseiterkunst“, nicht ohne zu betonen, dass es um die Wirkung der Kunst und nicht um die Etablierung einer „Kunst der Geisteskranken“ gehe. Die gäbe es ebenso wenig „wie eine Kunst der Magenkranken oder der Kniekranken“.  Ihm ging es vielmehr um die sinnlichen und ästhetischen Qualitäten des individuellen bildnerischen Ausdrucks, wie er sich in Gestaltungen von Laien, in Schöpfungen von „Geisteskranken“, Kritzeleien von Kindern oder Gestaltungen sogenannter primitiver Kulturen äußert.

Aus den neuen bildnerischen Ausdrucksmöglichkeiten, die sich so für die bildende Kunst erschlossen, speisten sich in der Folgezeit verschiedene Kunstströmungen wie der Surrealismus oder das Action Painting. Diese Entwicklungen veränderten nicht nur das Verständnis von Kunst, sondern öffneten auch den Blick für die therapeutischen Potenziale bildnerischen Gestaltens.

Der unmittelbare, individuelle Ausdruck innerer Bilder, das prozessorientierte Verständnis bildnerischen Schaffens und die damit verbundenen Kunstströmungen bilden den kunsthistorischen Kontext kunsttherapeutischer Praxis und Theoriebildung. Der Surrealismus, der von dem französischen Dichter und Kritiker André Breton 1924 begründet wurde, betont die Rolle des Unbewussten und hierin den Traum als Quelle bildnerischen Schaffens.

In seiner Tradition sucht Jackson Pollock (1912–1956) mit Bezug auf Carl Gustav Jung in der indianischen Kultur und Mythologie einen Anknüpfungspunkt für den Ausdruck des Unbewussten und entwickelte nach 1946 das Action Painting : „Wenn ich in meinem Bild bin, bin ich mir nicht bewusst was ich tue. “ In der jüngeren Kunstgeschichte gibt es mit Joseph Beuys (1921–1986) („Kunst ist ja Therapie“) und dem von ihm proklamierten erweiterten Kunstbegriff, der die künstlerische Praxis auf die politische, gesellschaftliche und soziale Realität bezieht, einen direkten Bezugspunkt für eine kunsttherapeutische Praxis, die sich als soziale Kunst versteht.